Malletlok 99 5906

BR 99.23-24

Malletlok 99 5906


Konstruktion

Allgemein:
Malletlok (Gelenklokomotive nach Patent von Anatole Mallet)
Kessel:
genieteter Kessel für 12 bar Kesselüberdruck
Rahmen:
Rahmen aus 20 mm Blechen; Hinter- und Vorderwagen mit Innenrahmen; Hinterwagen fest verbunden mit Kessel und Führerhaus trägt Hochdruckzylinder; Vorderwagen trägt Niederdruckzylinder; Vorderwagen ist über Königszapfen gelenkig mit Hinterwagen verbunden; Hinterwagen mit Kessel stützt sich mittels Gleitplatten auf Vorderwagen ab
Laufwerk:
jeweils im Hinter- und Vorderwagen zwei Treibachsen; Vorderwagen seitlich 300 mm ausschwenkbar, Rückstellung durch seitliche Blattfedern
Zylinder:
mit Flachschieber
Triebwerk und Steuerung:
im Hinterwagen Hochdrucktriebwerk; über flexible Leitungen wird halb entspannter Dampf von Hochdruckzylindern in die Niederdruckzylinder am Vorderwagen gedrückt (Verbundprinzip); zum Anfahren können Niederdruckzylinder mit Frischdampf versorgt werden; Hoch- und Niederdrucktriebwerk mit außenliegender Heusinger-Steuerung mit Hängeeisen und Kuhnscher Schleife; äußere Einströmung; Gleitbah für den Kreuzkopf zweischienig Bremsausrüstung:
Wurfhebel-Handbremse; ursprünglich nur Dampfbremse als Zusatzbremse, von NWE Ausrüstung mit Hardy-Saugluftbremse als Zugbremse, 1995 Umbau auf Druckluftbremse
Weitere Ausstattung:
0,5 kW Turbo-Generator für Fahrzeugbeleuchtung und Zugfunk
zwei Sanddome (je einer pro Triebwerk), ursprünglich mechanische betätigte Sandzufuhr zu Fallrohren, bei Umrüstung auf Druckluftbremse 1995 Umrüstung auf druckluftbetätigte Sandstreueinrichtung
Dampfpfeife, Dampfläutewerk Bauart "Latowski"

 
Malletlok 99 5906 - 9,5/53,4 KB
Blick in das Führerhaus von 99 5906
Foto: Klaus Gottschling
Vergrößern 53,4 KB

 

Foto

Malletlok 99 5906 - 8,3/49,0 KB
Malletlok 99 5906 in Gernrode
Foto: Klaus Gottschling
Vergrößern 49,0 KB

Daten
Betriebsnummern 1) NWE 41II (1920) - 99 5906 (1949)
Hersteller Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe (MBK)
Baujahr(e) 1918
Fabriknummer(n) 2052
Baureihe 99590
Betriebsgattung 3) K 44.9
Kurzbezeichnung 4) B' B n4vt
Leermasse 28,5 t
Dienstmasse
(2/3 Vorräte)
34,4 t
Länge über Puffer
(LüP)
9400 mm
Höhe über SO 3800 mm
Achsstand im Triebwerk 1400 mm
Treibraddurchmesser 1000 mm
Höchstgeschwindigkeit
(vorw./rückw.)
40/40 km/h*)
indizierte Leistung 170 kW (230 PS)
Zugkraft 46,8 kN
kleinster befahrbarer
Gleisbogen
50 m
Kesselüberdruck 12 bar
Kohlevorrat 1,1 t
Wasservorrat **) 3,6 m3
Bremse Knorrbremse m. Z., Wurfhebel-Handbremse
*) bei DR 30/30 km/h; bei der HSB später wieder auf 40 km/h festgelegt.
**) vor Abtrennung einer Kammer im rechten Wasserkasten zum Einbau der Luftpumpe 3,8 m3
weitere Informationen bei:
"Dampf mitten im Harz" (Holger Voigt)
Malletlok.de (Olaf Haensch)
HK 94 bis 100 (Wikipedia)

Lokomotiv-Lebenslauf

Für den Einsatz auf den Meterspur-Strecken in Frankreich bestellten die Deutschen Heeresfeldbahnen bei der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe sieben Malletlokomotiven. Aus Zeitgründen wurde keine zeitgemäße neue Serie entwickelt. Man nahm alte Konstruktionsunterlagen als Grundlage. Die Auslieferung erfolgte im August 1918. Bevor die Maschinen HK 94 bis HK 100 (HK = Heeresprüfkommission für Feldbahnen) ihren Einsatzort erreichten, war der I. Weltkrieg (Waffenstillstand von Compiegné am 11. November 1918) jedoch schon beendet. Da sie nicht mehr von den Heeresfeldbahnen benötigt und nicht zum Reparationsgut zugeordnet wurden, übernahm sie das Reichsverwaltungsamt. Dieses verkaufte in den Jahren 1919/1920 die Loks z. B. drei an die Ruhr-Lippe-Eisenbahn. Eine Lok (HK96) konnte die Nordhausen-Wernigeroder Eisenbahn-Gesellschaft (NWE) erwerben und setzte sie als NWE 41'' ein.
Die Lok unterscheidet sich von den anderen Malletloks der NWE. Die Lok ist länger und hat ein niedrigeres, längeres, abgerundetes Führerhaus. Der Kessel war schon von Anfang an höher angeordnet, so daß das hintere Triebwerk statt mit Außenrahmens mit Innenrahmen versehen werden konnte. Kohle- und Wasserkästen können weniger Vorräte als bei den anderen Mallets aufnehmen.

Die Lok erhielt bei Übernahme der NWE durch die Deutsche Reichsbahn (DR) im April 1949 die Betriebsnummer 99 5906.
Als 1948 auf der Harzquerbahn durch Unwetter der Viadukt bei Ilfeld einstürzte, transportierte man die Lok NWE  41' von Wernigerode nach Nordhausen. Bis zum Wiederaufbau der Brücke im Dezember 1949 fuhr die Lok im Inselbetrieb zwischen Nordhausen Nord und "Netzkater untere Haltestelle".

Zusammen mit den Malletloks 99 5901 - 99 5905 wurde die 99 5906 im Jahr 1956 nach Gernrode zur Selketalbahn umgesetzt, da infolge der Reparationsleistungen an die Sowjetunion dort Lokmangel herrschte.

99 5906 war jahrelang Stammlok im Selketal und fuhr am 16.11.1989 vorerst als letzte Malletlok einen Planzug zwischen Gernrode und Harzgerode. Mit Umstellung des Wagenparks auf Druckluftbremse gab es für die Mallets mit Saugluftbremse keine Einsatzmöglichkeiten mehr. Zusammen mit 99 5902 fuhr 99 5906 mit eigener Kraft am 12.01.1990 nach Wernigerode-Westerntor.

Im Januar 1991 verkaufte die Deutsche Reichsbahn die abgestellte Lok 99 5906 an den Deutschen Eisenbahnverein (DEV). Eisenbahnfreunde verhinderten die Auslieferung an den neuen Eigentümer und schalteten die Denkmalschutzbehörde ein. Die Behörde hätte vor dem Verkauf um Zustimmung gebeten werden müssen. 1992 verkaufte die DR die Lok zum zweiten Mal und zwar an die Harzer Schmalspurbahnen GmbH (HSB). Die ungeklärten Besitzverhältnisse der Lok 99 5906 konnten schließlich einvernehmlich geklärt werden, indem die DR eine andere Mallet erwarb und den DEV übergab. Die Maschine, die jahrelang das Bild der Züge im Selketal mitgeprägt hat, blieb so in ihrer Heimat.

Ab Mai 1995 ließ die HSB die Lok in Meiningen aufarbeiten und auf Druckluftbremse umbauen. Am 06.12.1995 absolvierte 99 5906 ihre Abnahmefahrt von Wernigerode nach Drei Annen Hohne. Am 09.12.1995 half sie als Vorspannlok der 99 5901 den Nikolauszug zwischen Wernigerode und Drei Annen Hohne zu ziehen. Ein paar Tage später am 14. Dezember erreichte Lok 99 5906 ihre alte Einsatzstelle Gernrode. Mit einer offiziellen Ansprache durch den technischen Direktor der HSB und einem Sonderzug wurde am 17.12.1995 die feierliche Wiederinbetriebnahme der Lok 99 5906 begangen.
Das Einzelexemplar Harzer Malletloks kommt in der Regel vor Planzügen auf der Selketalbahn und vor Sonderzügen zum Einsatz.

Von Januar bis April 2002 hat die Lok im Dampflokwerk Meiningen die nach Fristablauf fällige Hauptuntersuchung erhalten. Erst mehrere Nachbesserungen waren nötig, damit die Malletlok wieder zufriedentsellend fährt.

Von der 99 5906 existiert noch eine Schwesterlok. Die Lok mit der Nummer 1051 gehört zur Museumsbahn Blonay – Chamby in der Schweiz. Zu den Feierlichkeiten anläßlich "100 Jahre Harzquer- und Brockenbahn" gab es 1998 ein Zusammentreffen beider Loks. Im Festjahr 2012 der HSB unter dem Motto „125 Jahre Schmalspurbahnen im Harz“ war Lok Nr. 105 erneut im Harz. Bei den Einsätzen als Vorspannlok vor Sonder-/Planzügen gab es auch gemeinsame Fahrten der Schwesterloks (siehe Meldung vom 12.08.2012).


1
gebaut 1918 von der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe
Fabriknummer 2051
1918 von Heeresprüfkommission für Schmalspurbahnen abgenommen als Lok „HK 95“
1919 verkauft an Kleinbahn Haspe-Voerde-Breckerfeld (HVB)
1929 – 1925 Einsatz als Lok „HVB 28“ auf der Strecke Haspe – Voerde – Breckerfeld
1925 Verkauf an die Süddeutsche Eisenbahngesellschaft (SEG)
1925 – 1968 Einsatz als Lok „SEG 105“ auf der Strecke Zell –Totdnau
1968 Verkauf an die Museumsbahn Blonay – Champy (Schweiz)
1968 – … Lok Nr. 105 der Museumsbahn Blonay – Champy (Schweiz)

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